„Kann ich morgen eine Stoffhose und ein Hemd tragen?“, fragte mich neulich ein Vorstand kurz vor seinem Executive Audit. Eine einfache Frage – aber dahinter steckt fast immer mehr als nur Geschmack.
Über deine Beförderung entscheidet die Kleidung nicht. Trotzdem beschäftigt genau diese Frage praktisch jeden Coachee, den ich auf ein Assessment Center vorbereite. In über 700 begleiteten Assessment Centern hat sich daran nichts geändert.
Warum macht uns die Kleiderfrage vor dem Assessment Center so unsicher?
Forscher der Princeton University haben gezeigt: Allein teuer wirkende Kleidung lässt Menschen kompetenter erscheinen – das Urteil bildet sich in Sekundenbruchteilen und ist danach kaum noch zu korrigieren. Kleidung wirkt aber nicht nur nach außen.
Ein psychologisches Konzept namens „Enclothed Cognition“ beschreibt, dass Kleidung auch das eigene Verhalten beeinflusst – wie sicher wir uns fühlen und wie wir dadurch auftreten. Genau das meine ich, wenn ich Coachees sage: Angemessene Kleidung wirkt wie eine Rüstung. Wer sich gut gekleidet fühlt, fühlt sich sicherer – und das spürt das Gegenüber.
Der teuerste Irrtum: „Ich trage doch sonst auch Jeans und T-Shirt“
Viele Führungskräfte denken, ihr Alltagslook reiche auch fürs Assessment Center – schließlich tragen sie den auch im Job. Der Denkfehler dabei: Das Assessment Center ist kein normaler Arbeitstag.
In der Position, um die es geht, wirst du dein Unternehmen möglicherweise nach innen und außen vertreten. Dafür brauchst du ein Gespür dafür, wie man sich zu welchem Anlass kleidet – und genau dieses Gespür wird im Assessment Center mitbeobachtet, auch wenn es nirgendwo offen auf dem Bewertungsbogen steht.
Wie sehr das ins Gewicht fallen kann, habe ich in meiner Zeit bei einem großen Mobilitätsunternehmen erlebt, dessen Werbung betont locker auftritt. Viele Bewerber kamen dementsprechend leger gekleidet zu Auswahltagen und Gesprächen – orientiert am Markenbild. Was ihnen nicht bewusst war: Ein großer Teil der Belegschaft trägt Uniform, und in der Zentrale galt ein business-like Dresscode. Die Szene habe ich noch genau vor Augen: Bewerber im Freizeitlook, wir ihnen gegenüber im Hosenanzug – und die Verlegenheit stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.
Wie finde ich den richtigen Dresscode, wenn ich die Personalberatung nicht kenne?
Schau dir den Internetauftritt der externen Personalberatung an, die das Assessment Center durchführt, und orientiere dich an der Kleidung der Mitarbeiter und Berater dort. Im Zweifel gilt: lieber zu schick als underdressed.
Der Vorstand von eben bekam von mir genau diesen Rat: Ich riet von der Stoffhose ab, weil auf der Website der durchführenden Personalberatung sämtliche Berater in konservativen Anzügen abgebildet waren. Empfohlen habe ich einen einfarbigen, dunklen Anzug und ein neutrales Hemd in Blau oder Weiß.
Was gilt für Frauen, was für Männer?
Für Frauen empfehle ich, weiblich, aber nicht sexy aufzutreten – zum Beispiel mit Hosenanzug und Bluse in gedeckten Farben. Für Männer gilt: Ein Anzug ist heute in den meisten Fällen die sichere Wahl, eine Krawatte braucht es in der Regel nicht mehr.
Besonders bei Frauen in analytisch geprägten, männerdominierten Bereichen rate ich bewusst zu einem „weiblichen“ Auftreten – zum Beispiel offenes Haar oder eine Bluse in einer weicheren Farbe wie Rosa. Der Hintergrund: In solchen Umfeldern werden Frauen, die sehr sachlich und analytisch auftreten, schnell zu „männlich“ wahrgenommen. Kleidung ist hier ein kleiner, aber wirksamer Ausgleich.
Wenn Kleidung zum eigenen blinden Fleck wird
Kleidung entscheidet nicht über die Beförderung – aber sie kann zum blinden Fleck werden, den man selbst nicht sieht. Ich wurde schon von Unternehmen beauftragt, eine Führungskraft nicht nur zu coachen, sondern komplett neu einzukleiden, inklusive Haarschnitt und Brille.
Manche Menschen haben einfach keinen Sinn für Kleidung – komplett unabhängig davon, welche Position sie erreicht haben oder wie viel sie verdienen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung aus über 700 Assessment Centern: Wer sich dessen bewusst ist, kann sich gezielt Rat holen, statt sich am Tag X selbst im Weg zu stehen.
→ Jetzt Erstgespräch vereinbaren
Was macht gute Kleidung fürs Assessment Center am Ende aus?
Am Ende geht es nicht um Mode, sondern um eines: mehr Selbstvertrauen. Das Bild von der Rüstung ist nicht zufällig gewählt – wenn du weißt, dass du richtig angezogen bist, hast du eine Sorge weniger im Kopf und kannst dich selbstbewusst auf das konzentrieren, worauf es im Assessment Center wirklich ankommt.
Häufige Fragen zu Kleidung im Assessment Center
Muss ich einen Anzug tragen, auch wenn im Unternehmen ein lockerer Dresscode gilt?
Nicht automatisch, aber im Zweifel ja. Ein lockeres Markenbild sagt wenig über den tatsächlichen Dresscode aus. Schau dir an, wie der Vorstand und Mitarbeiter auf der Unternehmenswebsite präsentiert werden, und orientiere dich daran. Lieber zu schick als underdressed.
Brauchen Männer heute noch eine Krawatte?
In der Regel nicht mehr. Ein Anzug ist meist die sichere Wahl, die Krawatte ist optional geworden.
Wie finde ich heraus, was erwartet wird, wenn ich niemanden im Unternehmen kenne?
Über den Internetauftritt: Wie präsentieren sich Mitarbeiter und Berater der durchführenden Personalberatung? Das gibt einen verlässlicheren Hinweis als die allgemeine Außendarstellung der Marke.
Was sollten Frauen im Assessment Center anziehen?
Weiblich, aber nicht sexy – zum Beispiel mit Hosenanzug und Bluse in gedeckten Farben. In analytisch geprägten, männerdominierten Bereichen empfehle ich Frauen sogar, bewusst weiblich aufzutreten, etwa mit offenem Haar oder einer Bluse in einer weicheren Farbe wie Rosa – als Ausgleich dazu, dass sachlich-analytisch auftretende Frauen dort schnell als „männlich“ wahrgenommen werden.
Was ziehe ich beim Online-Assessment-Center an?
Genauso angemessen wie in Präsenz – auch untenrum. Wir alle kennen die Videos: oben sauberes Hemd, unten schlabbrige Jogginghose, und dann steht die Person im Meeting überraschend auf. Der Eindruck von der ganzen Vorbereitung ist in dem Moment dahin – und das ist wirklich vermeidbar.
Du möchtest deinen nächsten Schritt konkret sortieren?
Im kostenfreien Erstgespräch schauen wir auf deine Situation, dein Ziel und die passende Begleitung.